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Gentechnologiepolitik grundsätzlich überdenken



Hier eine Pressemitteilung, die wir im Rahmen der Verhandlung über die Verfassungsmäßigkeit des Gentechnikgesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht (BVerfG) veröffentlicht haben.

 

 

Presseinformation

 

 

Gentechnologiepolitik grundsätzlich überdenken

 

Halle (Saale) – 23.06.2010. Anlässlich der Verhandlung über die Verfassungsmäßigkeit des Gentechnikgesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in Karlsruhe appelliert die BIO Mitteldeutschland (BMD) an die Bundesregierung, ihre Gentechnikpolitik grundsätzlich zu überdenken.

„Ob sich die Pflanzenbiotechnologie in Deutschland durchsetzt oder nicht, wird nicht alleine vom Verfassungsgericht entschieden“, so Dr. Jens Katzek, Geschäftsführer der BMD.  Denn dem BVerfG geht es nicht darum, zu prüfen, ob eine gesetzliche Regel gut oder schlecht ist oder ob die befürchteten wirtschaftlichen Auswirkungen eingetreten sind oder nicht. Einzige Aufgabe des Gerichts ist es, zu prüfen, ob die Einschränkungen durch das Gesetz so weit gehen, dass Grundrechte der Bürger in unverhältnismäßiger Art und Weise berührt sind.

Von Unternehmen und Wissenschaft wurde vor fünf Jahren befürchtet, dass das neue Gentechnikgesetz dazu führt, dass die Pflanzenbiotechnologie keine Chance in Deutschland bekommt. Die Realität zeigt, dass diese Einschätzung (leider) richtig war.  Die Schere zwischen Deutschland und dem Rest der Welt klafft immer weiter auseinander. Während überall neue Produkte entwickelt und neue, spannende Forschungsprojekte gestartet werden, ist es in Deutschland ruhig geworden. Es ist bezeichnend, dass in den USA eine gentechnisch veränderte Zuckerrübe innerhalb von nur zwei Jahren den Markt mit 90 Prozent Marktanteilen geradezu erobert hat – eine Zuckerrübe, die von dem deutschen Saatgutunternehmen KWS in Einbeck entwickelt worden ist.

Um dieses Auseinanderdriften nicht noch weiter zu forcieren, müssen die politischen Rahmenbedingungen geändert werden. Wir brauchen eine Umkehr der Gentechnikpolitik, unabhängig davon, wie Karlsruhe entscheidet. Ein Blick auf die letzten fünf Jahre zeigt:

·        Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP) hat weltweit weiterhin dramatisch zugenommen. Während weltweit 2005 ca. 90 Millionen Hektar angebaut wurden, waren es in 2009 schon 134 Millionen Hektar, ein Plus von fast 50 Prozent! Seit 1997 wurde weltweit die unglaubliche Zahl von fast einer Milliarde Hektar angebaut (zum Größenvergleich: Ein Fußballfeld besitzt die Größe von knapp einem Hektar).

·        Der GVP-Anbau findet mehr und mehr in Schwellenländern wie Brasilien, China und Indien statt. Greenpeace-Klagen in Brasilien haben die Zulassung dort über Jahre hinweg verzögert. Mit dem Ergebnis, dass Landwirte (illegal) Saatgut aus Argentinien einschmuggelten. Heute rangiert Brasilien (legal) an zweiter Stelle im weltweiten Anbau mit 21,4 Millionen Hektar – hinter den USA.

·        Die Einsicht ist gestiegen, dass wir schlicht einen höheren Ertrag bei Pflanzen benötigen. Forderungen nach einer stärkeren Nutzung nachwachender Rohstoffe und Bio-Energien sowie die Frage nach dem möglichen Konflikt zwischen „Brot für den Tank“ und „Brot für den Teller“ waren hierfür die Grundlage. Auch den Herausforderungen des Klimawandels (Stichwort Trockenresistenz) wird man ohne neue Züchtungserfolge nicht begegnen können.

·        Firmen werden, trotz schärfster interner Qualitätskontrollen, immer wieder mit formaljuristischen Kniffen drangsaliert; Landwirte werden aus den gleichen Gründen gezwungen, ihre Felder umzupflügen;  und diejenigen, die gentechnisch verbesserte Pflanzen anbauen, sehen sich oft mit einer Hexenjagd aus Telefonterror, Diskriminierung, Feldzerstörung, Sachbeschädigung, Drohungen und wirtschaftlicher Erpressung konfrontiert.

·        Unternehmen haben in den letzten Jahren eine Reihe von Forschungszentren in Indien oder China errichtet beziehungsweise sind Forschungskooperationen dort eingegangen – und nicht in Deutschland. So etwas können wir uns als Forschungsstandort schlicht und einfach nicht leisten.

·        Viele Forscher haben sich aus der praxisorientierten Forschung zurückgezogen, wurden von Vorgesetzten „zurückgepfiffen“ oder führen Freilandversuche außerhalb Deutschlands durch.

Aus diesen Gründen der Appell an Frau Bundesministerin Ilse Aigner und die Bundesregierung, die Gentechnikpolitik endlich grundlegend zu überdenken.

 

BIO Mitteldeutschland GmbH

Die BIO Mitteldeutschland GmbH ist ein Zusammenschluss von etwa 15 Firmen und Institutionen, die im Bereich der Biotechnologie aktiv sind und sich zum Ziel gesetzt haben, diese Zukunftstechnologie in Sachsen-Anhalt und in Kooperation mit den Partnern in den anderen Ländern in Mitteldeutschland weiter zu entwickeln.

 

Ansprechpartner: Dr. Jens Katzek, BIO Mitteldeutschland GmbH, Franckestr. 3, 06110 Halle (Saale), Tel.: 0345 – 2798352, Fax: 0345 – 2798356, katzek@biomitteldeutschland.de, www.biomitteldeutschland.de

Innovationen - für oder gegen die Gesellschaft?


Hallo,

hier habe ich interessante Gedanken von Professor Gunnar Berg, Präsidiumsmitglied der Leopoldina, der im Rahmen einer Pressereise, die wir im November 09 organisiert haben, einen Vortrag zum Thema “Innovationen: für oder gegen die Gesellschaft?” gehalten hat.

Viel Spass und über Kommentare freue ich mich. Dies ist ein gekürzter Text mit freundlicher Genehmigung des Autors:

 

Innovationen: Für oder gegen die Gesellschaft?

 

Zusammenfassung des Einführungsvortrag, Journalistenreise, 12.-13. November 2009

12. November 2009

Gunnar Berg

 

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Der Begriff Innovation kommt aus dem Lateinischen und ist abgeleitet von novus = neu, frisch und  hängt damit u. a. zusammen mit novitas = Neuheit, Ungewöhnlichkeit sowie mit dem Verb, d. h. der Tätigkeit, innovo = erneuern. Auf jeden Fall ist mit einer Innovation eine Veränderung verbunden, wobei diese sowohl die Wirtschaft als aber auch die Gesellschaft betreffen kann und womit noch keine Wertung verbunden ist. Der Innovator ist für Schumpeter und natürlich für uns heute der schöpferische Unternehmer – und wer verbände diesen Begriff nicht mit einer positiven Bewertung?

 

Im Folgenden soll der Begriff Innovation im zuerst angeführten allgemeineren Sinn, nämlich im Sinn von Veränderung, verwendet werden, in dem natürlich der speziellere Schumpeteresche mit eingeschlossen ist.

 

These 1

 

Für das Überleben der Menschheit ist ihre Veränderungsfähigkeit notwendig, was auch bedeutet, dass sie Neues entwickeln können muss.

Die Umwelt verändert sich ständig. Der Mensch ist unter den „höheren Lebewesen“ vermutlich das Anpassungsfähigste, weil er in der Lage war, auf Veränderungen der Umwelt mit Innovationen zu reagieren, womit er z. B. auch seinen Lebensraum ständig ausweiten konnte ist.

 

Beisp. Aufrechter Gang, Feuer, Faustkeil, Speer, Ackerbau

 

These 2

 

Veränderungen und damit Innovationen sind immer mit „Nebenwirkungen“ verbunden, d. h. zu Innovationen gehören auch Risiken, deren volle Tragweite in der Regel erst nach Einführung der Innovation sicher abgeschätzt werden kann.    

Die Risikofreudigkeit einer Gesellschaft hängt von ihrem materiellen Zustand und von ihrer geistigen Einstellung ab. Mit steigendem Wohlstand und mit steigender Bequemlichkeit in unseren Breiten nahm jedoch die Risikofreudigkeit ab. Heute dominiert in weiten Kreisen die Skepsis vor Neuerungen.

 

Beisp.  für Risiken, die mit den erwähnten Innovationen verbunden sind: Verletzung und Zerstörung durch Feuer, Missbrauch von Faustkeil und Speer, Übernutzung von Land durch Ackerbau

 

These 3

 

Veränderungen und damit Innovationen beeinflussen die Umwelt und führen damit wiederum zu Veränderungen der Lebensumstände und der Umwelt des Menschen, zu deren Beherrschung häufig weitere Innovationen notwendig sind. Leben in einer sich verändernden Umwelt erfordert also ständig neue Innovationen.

Jedes Leben verändert notwendigerweise die Umwelt. Innovationen, die dazu führen, dass die zur Verfügung stehenden Ressourcen besser als vorher genutzt werden können, ändern folglich die Umwelt stärker, als es ohnehin durch die natürlichen Änderungen der Fall wäre.

 

Beisp. Verbesserung der Ackerbautechnik durch Düngung, Beseitigung von Bergbaufolgen, Senkung der Säuglingssterblichkeit und Verbesserung der Gesundheitsfürsorge führen zur Bevölkerungsexplosion

 

These 4

 

Die Chance, dass sich eine Innovation durchsetzt, hängt vom Stand vorangegangener konkurrierender Entwicklungen ab (Pfadabhängigkeit von Innovationen).

 

Gut eingeführte und bewährte Technologien, besonders wenn sie noch verbesserungsfähig sind, lassen sich durch eine neue Entwicklung nur schwer verdrängen, es sei denn, es ist ein deutlicher qualitativer Sprung

 

Beisp. Magnetschwebebahn gegenüber Eisenbahn, Sparlampe gegenüber herkömmlicher Glühlampe

 

These 5

 

Einer grundlegenden Innovation geht in der Regel eine Entdeckung voraus.

Es sind sicherlich verschiedene Grade von Innovation zu unterscheiden. Wirklich revolutionär und damit grundlegend für die Gestaltung des Lebens sind aber Innovationen erst, wenn sie auf der Entdeckung eines neuen Phänomens beruhen, was meistens eine Folge von Grundlagenforschung ist.

 

Beisp. Elektrizität (elektromagnetische Induktion von Faraday), Kommunikationstechnik (Transistor, Laser), GPS-Navigationssystem (Allgem. Relativitätstheorie), Stammzellenforschung zur Entwicklung medizinischer Techniken

 

These 6

 

Echte Innovationen verstoßen häufig gegen eingespielte Konventionen und „stören“ gewohnte Vorstellungen und Lebensweisen.

Eine Gesellschaft im Aufbruch wird sich viel bereitwilliger Innovationen öffnen als eine saturierte Gesellschaft. In letzterer bedarf es großer Anstrengungen und langwieriger Diskussionen, um einen Konsens zu erreichen, der eine wenig umstrittene Einführung einer Innovation erlaubt.  

 

Beisp. Verbot einer Manipulation am Herzen als „Zentrum des Lebens“ Ende des 19.Jahrhunderts,       Züchtung durch direkte genetische Veränderungen

 

These 7

 

Innovationen sind für jede Gesellschaft überlebensnotwendig.

Das gilt, um sowohl in der jeweiligen Umwelt zu bestehen als auch in Konkurrenz mit allen anderen Gesellschaften auf unserer Erde. Dabei ist es selbstverständlich, mögliche Nachteile einer Innovation möglichst gering zu halten, aber sie auch mit dem Nutzen abzuwägen und in Kauf zu nehmen, wenn man das für verantwortbar hält.



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