Innovationen - für oder gegen die Gesellschaft?


Hallo,

hier habe ich interessante Gedanken von Professor Gunnar Berg, Präsidiumsmitglied der Leopoldina, der im Rahmen einer Pressereise, die wir im November 09 organisiert haben, einen Vortrag zum Thema “Innovationen: für oder gegen die Gesellschaft?” gehalten hat.

Viel Spass und über Kommentare freue ich mich. Dies ist ein gekürzter Text mit freundlicher Genehmigung des Autors:

 

Innovationen: Für oder gegen die Gesellschaft?

 

Zusammenfassung des Einführungsvortrag, Journalistenreise, 12.-13. November 2009

12. November 2009

Gunnar Berg

 

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Der Begriff Innovation kommt aus dem Lateinischen und ist abgeleitet von novus = neu, frisch und  hängt damit u. a. zusammen mit novitas = Neuheit, Ungewöhnlichkeit sowie mit dem Verb, d. h. der Tätigkeit, innovo = erneuern. Auf jeden Fall ist mit einer Innovation eine Veränderung verbunden, wobei diese sowohl die Wirtschaft als aber auch die Gesellschaft betreffen kann und womit noch keine Wertung verbunden ist. Der Innovator ist für Schumpeter und natürlich für uns heute der schöpferische Unternehmer – und wer verbände diesen Begriff nicht mit einer positiven Bewertung?

 

Im Folgenden soll der Begriff Innovation im zuerst angeführten allgemeineren Sinn, nämlich im Sinn von Veränderung, verwendet werden, in dem natürlich der speziellere Schumpeteresche mit eingeschlossen ist.

 

These 1

 

Für das Überleben der Menschheit ist ihre Veränderungsfähigkeit notwendig, was auch bedeutet, dass sie Neues entwickeln können muss.

Die Umwelt verändert sich ständig. Der Mensch ist unter den „höheren Lebewesen“ vermutlich das Anpassungsfähigste, weil er in der Lage war, auf Veränderungen der Umwelt mit Innovationen zu reagieren, womit er z. B. auch seinen Lebensraum ständig ausweiten konnte ist.

 

Beisp. Aufrechter Gang, Feuer, Faustkeil, Speer, Ackerbau

 

These 2

 

Veränderungen und damit Innovationen sind immer mit „Nebenwirkungen“ verbunden, d. h. zu Innovationen gehören auch Risiken, deren volle Tragweite in der Regel erst nach Einführung der Innovation sicher abgeschätzt werden kann.    

Die Risikofreudigkeit einer Gesellschaft hängt von ihrem materiellen Zustand und von ihrer geistigen Einstellung ab. Mit steigendem Wohlstand und mit steigender Bequemlichkeit in unseren Breiten nahm jedoch die Risikofreudigkeit ab. Heute dominiert in weiten Kreisen die Skepsis vor Neuerungen.

 

Beisp.  für Risiken, die mit den erwähnten Innovationen verbunden sind: Verletzung und Zerstörung durch Feuer, Missbrauch von Faustkeil und Speer, Übernutzung von Land durch Ackerbau

 

These 3

 

Veränderungen und damit Innovationen beeinflussen die Umwelt und führen damit wiederum zu Veränderungen der Lebensumstände und der Umwelt des Menschen, zu deren Beherrschung häufig weitere Innovationen notwendig sind. Leben in einer sich verändernden Umwelt erfordert also ständig neue Innovationen.

Jedes Leben verändert notwendigerweise die Umwelt. Innovationen, die dazu führen, dass die zur Verfügung stehenden Ressourcen besser als vorher genutzt werden können, ändern folglich die Umwelt stärker, als es ohnehin durch die natürlichen Änderungen der Fall wäre.

 

Beisp. Verbesserung der Ackerbautechnik durch Düngung, Beseitigung von Bergbaufolgen, Senkung der Säuglingssterblichkeit und Verbesserung der Gesundheitsfürsorge führen zur Bevölkerungsexplosion

 

These 4

 

Die Chance, dass sich eine Innovation durchsetzt, hängt vom Stand vorangegangener konkurrierender Entwicklungen ab (Pfadabhängigkeit von Innovationen).

 

Gut eingeführte und bewährte Technologien, besonders wenn sie noch verbesserungsfähig sind, lassen sich durch eine neue Entwicklung nur schwer verdrängen, es sei denn, es ist ein deutlicher qualitativer Sprung

 

Beisp. Magnetschwebebahn gegenüber Eisenbahn, Sparlampe gegenüber herkömmlicher Glühlampe

 

These 5

 

Einer grundlegenden Innovation geht in der Regel eine Entdeckung voraus.

Es sind sicherlich verschiedene Grade von Innovation zu unterscheiden. Wirklich revolutionär und damit grundlegend für die Gestaltung des Lebens sind aber Innovationen erst, wenn sie auf der Entdeckung eines neuen Phänomens beruhen, was meistens eine Folge von Grundlagenforschung ist.

 

Beisp. Elektrizität (elektromagnetische Induktion von Faraday), Kommunikationstechnik (Transistor, Laser), GPS-Navigationssystem (Allgem. Relativitätstheorie), Stammzellenforschung zur Entwicklung medizinischer Techniken

 

These 6

 

Echte Innovationen verstoßen häufig gegen eingespielte Konventionen und „stören“ gewohnte Vorstellungen und Lebensweisen.

Eine Gesellschaft im Aufbruch wird sich viel bereitwilliger Innovationen öffnen als eine saturierte Gesellschaft. In letzterer bedarf es großer Anstrengungen und langwieriger Diskussionen, um einen Konsens zu erreichen, der eine wenig umstrittene Einführung einer Innovation erlaubt.  

 

Beisp. Verbot einer Manipulation am Herzen als „Zentrum des Lebens“ Ende des 19.Jahrhunderts,       Züchtung durch direkte genetische Veränderungen

 

These 7

 

Innovationen sind für jede Gesellschaft überlebensnotwendig.

Das gilt, um sowohl in der jeweiligen Umwelt zu bestehen als auch in Konkurrenz mit allen anderen Gesellschaften auf unserer Erde. Dabei ist es selbstverständlich, mögliche Nachteile einer Innovation möglichst gering zu halten, aber sie auch mit dem Nutzen abzuwägen und in Kauf zu nehmen, wenn man das für verantwortbar hält.



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